Kaltes Willkommen [Apothecaria]

Kurz nach dem Frostfall-Fest, mitten im Winter (Woche 1)

Ich stand verloren im Gewimmel, während Dörfler und Deckhände lärmend und lachend das Luftschiff, das mich hierher brachte,  ent- und beluden. Nach kurzer Zeit löste sich das Gewimmel auf und das Luftschiff hob wieder ab. Sein Wyvern-Gespann legten sich in sich kreischend ins Zeug und zog es weiter auf seine Route zum nächsten Dorf auf seiner  Route über  die Rannoc Range. Ich schaute ihm nach und bereits jetzt packte mich das Heimweh. Ich wollte zurück in die vertrauten Gassen meiner Heimatstadt.

Der Wind pfiff unbarmherzig kalt und ich zog den Schal fester um die Schultern, unglaublich dankbar für Arnyms Abschiedsgeschenk. An sich hatte ich erwartet, dass mich der Dorfhexer empfangen würde. Hatten wir doch die letzten Wochen Nachrichten ausgetauscht und den Tag meiner Ankunft vereinbart. Nun ja, dann würde ich ihn aufsuchen müssen. Ich schulterte den Rucksack und folgte den Dörflern zu der nächsten Ansammlung von Häusern. Sicherlich würde mir einer von ihnen die Richtung weisen können.

Noch bevor ich  jemanden ansprechen konnte, zerrte jemand so heftig von hinten an meinem Schal, dass ich fast auf dem festgetrampelten  Schnee ausgerutscht wäre.  Ich rudert heftig mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten und drehte mich zu dem Angreifer um. Ein vielleicht zehnjähriger Junge hatte den Schal mit beiden Händen gepackt und presste das Ende an seine Wange. Er murmelte nicht verständliche Dinge, die klangen, als hätte er einen verloren geglaubten Schatz wiedergefunden.

»Hey, du, das war gar nicht nett.« Ich zupfte am Schal, damit er ihn loslassen würde.

»Nein, nein, meins, « schrie er laut. Die Menschen drehten sich zu uns um. Mir war das unangenehm. Das war nicht die Art, wie ich mich ihnen vorstellen wollte.

Eine Frau stürzte auf uns zu. »Jona, lass sofort die Besucherin in Ruhe.« Sie packte ihn und klaubte das Wolltuch aus seinen Händen. Er kämpfte dagegen an und das Handgemenge war so erbittert, dass ich um den Schal und um meinen Hals fürchtete. Ich kam der Frau, vermutlich seiner Mutter, zu Hilfe und rettete meinen Schal aus den räuberischen Händen. Jona heulte und die Frau entschuldigte sich wortreich.

»Ich weiß nicht, was mit ihm los ist.  Er ist sonst so nicht, aber seit kurzem greift er nach jedem bunten Schal,  egal, ob er uns gehört oder nicht.«  Ah. Mir kam da ein Verdacht. »Er sammelt sie, versucht, mehrere gleichzeitig zu tragen. Er lässt niemanden an sie ran. «

Wie ich es mir gedacht hatte. Die Drachenkrankheit. Nicht dass diese legendären Wesen direkt etwas damit zu tun hätten. Nein, sie wurde so genannt, weil die Betroffenen sich auf irgendetwas, das ihnen gefiel, fixierten und es horten wollen.

»Das ist ein Fall für den Dorfhexer. Kannst du mich zu seinem Haus führen?«

Das lief so gar nicht, wie es geplant war. Als ich in High Rannoc eintraf, fehlte vom alten Hexer,  bei dem ich meine Kenntnisse der Kräuter und  des Tränkebrauens vertiefen wollte, jede Spur. Statt dessen traf ich auf meinen ersten Patienten. Der 10jährige Jona hatte sich die Drachenkrankheit eingefangen und versuchte jeden Schal zu horten, der ihm unter die Finger geriet. Auch meiner erweckte seine Begehrlichkeit und ich wurde fast erdrosselt, als er den Schal an sich reißen wollte.Aus Ashiras High Rannoc Tagebuch, Jahr 1

Das schneebedeckte Haus ruhte auf einem Hügel außerhalb von High Rannoc. Aber hinter den Fenstern war es dunkel und kein Rauch stieg aus dem Schornstein. Mir sank das Herz.

Als ich die Hand auf die Türklinke legte, schlug sie grüne Funken und mit einem Klick entriegelte sich die Tür.

»Ah,« sagte die Frau. In ihrer Stimme schwang Zufriedenheit. »Ihr seit also die neue Dorfhexe, die uns der alte Rory angekündigt hat. Ihr könnt Jona sicherlich helfen.« Und dann schob sie mich praktisch in das Haus.

Auf diese Weise erfuhr ich, dass ich als Nachfolgerin des Hexers schon erwartet wurde. Wohin dieser verschwunden war, mochte oder konnte mir bisher keiner sagen.
Jonas Mutter erwähnte, dass er schon Anfang des Winters begonnen hatte, seine Tiere und große Teile seiner Habseligkeiten wegzugeben. Er hatte sogar alle Vorräte an Kräutern und anderen Reagenzien verkauft. Das stellte mich vor Schwierigkeiten, denn Jona brauchte einen Heiltrank und zwar rasch.

 

Kleiner Trank zur Klärung von Sinnen und Verstand:

  • 1 Fingerhut voll mit Dornen der Kraxelnden Brombeere
  • 1 Handvoll  Kaffeekappen-Hüte ODER -Stiele, nicht beides!
  • beides getrennt im Mörser gründlich zerstampfen
  • langsam mit einer Tasse frischen Quellwassers erhitzen und köcheln lassen
  • noch heiß miteinander mischen bis die leichte Süße der Kaffeekappen geradeso die Bitterkeit der Brombeerdornen ausgeglichen hat
  • abfüllen und abkühlen lassen

 

Die Zutaten mitten im Winter in einem unbekannten Wald zu finden, war ein Abenteuer!
Erst rutschte ich aus und fiel in ein halb zugefrorenes  Flüsschen, genau einer freundlichen Nayade in die Arme. Das war die denkbar peinlichste Art, mich diesem Wesen vorzustellen.

Dann verirrte ich mich in ein Waldgebiet, das eine Heimat für Riesenspinnen war. Zwar fand ich dort die Kraxelnden Brombeeren, rannte aber dann um mein Leben, weil sich in den Netzen irgendwas bewegte. Und zu allem Überfluss wurde ich von einem Unbekannten angeschossen, genau als ich die Kaffeekappen-Pilze fand.  Wer tut sowas! Glücklicherweise war es nur eine kleine Fleischwunde im Oberschenkel.

Ich hinkte zurück zu der Hexenhütte, aber Jona und seine Mutter waren schon nicht mehr da. Ich war zu spät!

Der Trank war einfach zu brauen und ich war froh, dass durch das Feuer endlich wieder Wärme in die Hütte zog und ich meine feuchten Sachen wechseln konnte.
Es wurde schon dunkel, als ich den Trank nahm und ihn Jonas Mutter bringen wollte. Ich fand im Dorf einige Aufregung vor. Jona hatte in seiner Gier von den Nachbarn gestohlen und seine Mutter war wütend auf mich, weil ich nicht schnell genug gewesen bin. Mein Trank wirkte und befreite Jona von seinem Zwang. Aber seine Mutter zahlte mir nur widerwillig den halben Preis. Ich war zu müde, mich mit ihr zu streiten.

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