Unruhegeist [Flash Fiction]

Wolfgang war mit seinem Latein am Ende. Er hatte sogar versucht, das Fahrrad im tiefsten Wald zu verlieren. Aber umsonst, buchstäblich von Geisterhand stand es am Morgen wieder vor seiner Tür und Karl bereitete ihm weiter schlaflose Nächte.

Deswegen war er hierher gekommen, um sich Rat und Hilfe zu holen. Aus ihm unerfindlichen Gründen präsentierte sich dieser Ort als ein in die Jahre gekommenes Büro. Auf einem zerkratzten Schreibtisch stand ein Tintenfass neben Schreibfeder und ledergebundenen Buch, auf dem anderen ruhte ein Laptop. Genauso unterschiedlich waren ihre Besitzer.

***

»Ich wollte nur das Fahrrad,« protestiert Wolfgang und wich einen Schritt zurück.

»Und da hast du ihn umgebracht?«

Der Tonfall war gerade noch zivil, aber der Schatten der jungen Hexe waberte wie Rauch. Kein gutes Zeichen. Danielle war früher so ein liebes, freundliches Mädchen gewesen. Ihr silberblondes Haar umspielte ein engelsgleiches Gesicht. Doch ihre Lippen und Fingernägel trugen nun denselben Rotton wie ihr Umhang. Zusammen mit dem rauchgrauen Lidschatten transformierten dieser sie in einen Racheengel, der jetzt offensichtlich Wolfgang niederstrecken wollte.

»Ohne das Fahrrad hätten es Zacharias und ich es nicht mehr rechtzeitig zum Portal geschafft, bevor es sich schloss.« Er selbst hätte ein Jahr in der Menschenwelt überstanden, aber Zack wäre ohne Magie buchstäblich zerfallen. »Ich wollte ihn nur außer Gefecht setzen. Vielleicht habe ich härter zugeschlagen als gedacht. Er schlug mit dem Kopf auf und blutete.«

»Und dein Zombie nutzte die Gelegenheit für einen Snack.«

Wolfgang straffte sich und fletschte die Zähne.
»Lass Zack da raus. Er hat mit der Sache nichts zu tun.« Sein Freund hatte als Untoter schon genug mit Vorurteilen zu kämpfen.

»Du gibst also zu, ihn getötet zu haben?«

Konnte sie sie auch mal an was anderes denken? Bevor etwas erwidern konnte, wirbelte Danielle zu ihrem Kollegen herum.

»Wo kommen wir hin, dass wir Raubmord in der Menschenwelt durchgehen lassen? Er muss bestraft werden.«

Unter der Macht ihrer Worte transformierte sich das Büro in einen Kerker. Ketten hingen von den Steinwänden. Flackerndes Fackellicht enthüllte ominöse Foltergeräte. Wolfgang stockte der Atem.

»Genug, Danielle.«

Mit diesen Worten schnappte das Büro zurück in die Realität. Wolfgang atmete erleichtert aus. Hagen stand auf und kam um den Tisch herum. Diesmal trug er ein Lederwams statt des üblichen Kettenhemdes und lediglich ein Dolch nahm am Gürtel den Platz seines Schwertes ein. Als ob das ihn weniger gefährlich machen würde.

»Ich weiß, dass du Wolfgang nicht leiden kannst. Aber wir müssen uns mit dem eigentlichen Problem beschäftigen.«

Die Hexe verschränkte die Arme. »Er ist ein verantwortungsloser Unruhestifter.«

»Das bestreite ich gar nicht.«

»Heh,« sagte Wolfgang, aber leise.

»Doch diesmal hat er das Richtige getan und diesen Geist zu uns gebracht. Es ist unsere Pflicht, ihm zu helfen.«

»Karl, er sagte sein Name wäre Karl,« murmelte Wolfgang.

Hagen und Danielle inspizierten das Fahrrad und den in kleinen Kreisen darüber schwebenden Geist. Wolfgang konnte nicht erkennen, was sie so faszinierend fanden.

Der Fahrradrahmen war zerkratzt und die Reifen konnten vermutlich mehr Luft gebrauchen. Karl zeigte sich als undeutliche Nebelgestalt, die nur manchmal menschliche Gesichtszüge aufwies. Man hätte ihn leicht übersehen können, würde er nicht sein fellsträubendes Stöhnen von sich geben.

»Der arme Kerl sitzt fest,« verkündete Hagen schließlich.

Ja, deswegen war Wolfgang hier. Es tat ihm ja auch leid.

»Sein Tod war traumatisch und durch das noch offene Portal war die ambiente Magie stark genug, um ihn an diesem Objekt zu verankern.«

»Könnt ihr ihn nicht davon lösen? Ich meine, immer dem Fahrrad hinterher zu schweben ist wohl kaum ein erfülltes Nachleben.«

»Und wessen Schuld ist das? Du machst es dir wieder zu einfach, Wolf,« fauchte Danielle ihn an. »Wir könnten das Band nur mit Gewalt zertrennen. Und würden ihn dabei eher zerstören als ihn zum Übergang verhelfen. — Er würde zweifach getötet worden sein.«

Hagen nickte. »Der Geist, Karl, muss das selber tun, aber er hat noch nicht einmal genug Bewusstsein, um zu entscheiden, ob er bei uns in der Anderswelt verbleiben oder ins Jenseits wechseln will.«

»Heißt das, er bleibt so?« Er hätte das Fahrrad in der Menschenwelt lassen sollen.

»Ich denke nicht. Je mehr Zeit er hier in der Anderswelt verbringt, um so präsenter wird er werden, und dann….« Hagen zuckte mit den Schultern. »Dann wird er irgendwann in der Lage sein, sich vom Fahrrad zu lösen.«

»Wie lange dauert das?,« fragte Wolfgang beklommen.

Danielle verdrehte genervt die Augen. »So lange es eben dauert. Du nimmst das Fahrrad jetzt wieder mit und wartest ab.«

»Warum muss das bei mir sein?«

Hagen schaute ihn an, als sei er begriffsstutzig.

»Je näher er bei dir ist, um so besser kann er Magie aufnehmen. Vergiss nicht, du bist durch seinem Tod mit ihm verbunden und dadurch er mit dir.«

»Weil du für ihn verantwortlich bist, Wolfgang,« fügte Danielle hinzu. Ihre Stimme wurde dunkler und Magie gab ihr einen Nachhall. »Du wirst ihm und seinem Fahrrad ein Zuhause geben. Ein Ort, wo er Kraft sammeln kann, um sich selbst bewusst zu werden.«

Ein Urteilsspruch! Er hätte doch das verdammte Fahrrad und den Geist irgendwo in der Menschenwelt zurücklassen sollen. Vielleicht konnte er noch… Hagen drückte ihm den Lenker in die Hand und schob ihn aus dem Büro.

»Wir werden bei dir vorbeischauen und den Fortschritt prüfen.«

Ok, das konnte er vergessen. Er war buchstäblich verflucht. Eine schöne Hilfe war das gewesen.

Bedrückt schob Wolfgang das Fahrrad nach Hause, Karl im Schlepptau. Wie sollte er bei dessen Gestöhne nur schlafen können?

Schreibe den ersten Kommentar

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.