Ideen [Flash Fiction]

Hinter dem Panzerglas des Sicherheitsschrankes ruhten fünf schlanke Ampullen in einem kleinen Metallständer. Grell-orange Warnaufkleber proklamierten den Inhalt als experimentell.

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem triumphierenden Grinsen. Er hatte es gewusst. Wenn Professor Larson das Labor tagelang nicht mehr verließ, stand er vor einem Durchbruch. Er zog die gestohlene Codekarte über das Schloss und es öffnete sich mit einem kaum hörbaren Klicken.

Sein Komlink gab einen leisen Warnton von sich. Der 1-Minuten-Countdown. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Er zog die Tür mit einem Ruck auf und schnappte sich den Ampullenständer. Sein Inhalt wackelte und eine Ampulle rutschte aus der Halterung.

Wie in Zeitlupe sah er zu, wie sie auf die Metallkante des Faches schlug und abprallte. Reflexartig fing er sie mit der freien Hand auf. Das Glas knirschte zwischen den Fingern. Eine klebrige Flüssigkeit rann über seinen Handschuh zum Handgelenk. Verdammt.

Sein Komlink vibrierte. Noch 45 Sekunden.

Frustriert schob er die kaputte Ampulle in die Seitentasche des Laborkittels. Den Ständer mit dem verbleibenden Inhalt verstaute er vorsichtig in einem gepolsterten Etui. Im Gehen zog er den Datenstick von der Computerkonsole ab. Hoffentlich konnte sein Programm die richtigen Daten finden und kopieren.

Er joggte Richtung Ausgang. Adrenalin toste durch seine Adern. Fast geschafft. Ideen begann vor seinem inneren Auge zu tanzen, was er mit der Belohnung anstellen könnte. Bessere Ausrüstung, profitablere Aufträge. Mit Mühe rief er sich zur Ordnung. Konzentration, er war noch nicht draußen.

Vibration. Nur noch 30 Sekunden.

Als wäre ein Schalter umgelegt worden, wurde die heiße Erregung zu kalter Furcht. Nur noch eine halbe Minute. Vorausgesetzt, die Sicherheit hatte das Störprogramm noch nicht entdeckt und ausgeschaltet. Vielleicht hatte der Hacker, der ihn mit dem Störprogramm versorgt hatte, ihn verraten und verkauft?
Nein, das war Paranoia. Was war mit ihm los? Er begann zu sprinten.

15 Sekunden.

Er bog um die letzte Ecke. Der Ausgang war in Sicht. Schwindel erfasste ihn und er taumelte. Sein Herz raste und seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Seine Fantasie entwickelte Szenario um Szenario, was alles schief gehen konnte. Der andere reagierte mit immer wilderen Lösungsideen. Ein kleiner Teil von ihm, der noch klar denken konnte, war fasziniert und beeindruckt. Der Rest versank in Panik. Er musste hier raus!


»Wir fanden alle fehlenden Ampullen. Vier versiegelt und unbeschädigt, die fünfte zerbrochen. Das Zeug ist noch aggressiver als vermutet, Doktor. Er hatte lediglich ein paar Tropfen auf die Haut bekommen.«

Dr. Teshima starrte auf den zuckenden Körper des Eindringlings. Ihre Assistenten schlossen eilig die Überwachungsmonitoren an. Sie verkrampfte die Hände in den Taschen des Laborkittels.

»Müssen wir nicht die Polizei verständigen?«, fragte sie ihren Sicherheitschef.

»Wir haben ihn in einer Sperrzone mit dem Serum aufgefunden,« antwortete dieser abwesend, während er Meldungen über sein Headset verfolgte. Er war eindeutig mehr damit beschäftigt zu klären, wie es zu dem Einbruch überhaupt kommen konnte. »Und er hat unsere Forschungsgeheimnisse im Blut. Ich würde ihn liebend gerne verhören, aber so…« Er zuckte mit den Schultern. »Machen Sie mit ihm was sie wollen. Wenn sie ein zweites Testsubjekt brauchen, dann haben sie es jetzt.« Er warf ihr einen düsteren Blick zu. »Wenn er sie davon abhält, so was Idiotisches zu tun, wie an sich selber zu experimentieren, bin ich schon zufrieden.«

Sie zuckte zusammen und schaute unwillkürlich zur zweiten Behandlungsstation. Ein Körper lag dort reglos auf der Liege. Nur das EEG zeigte extreme Gehirnaktivität an.
»Vielleicht helfen uns die Zweitdaten dabei, ein Gegenmittel zu entwickeln.«

»Sie hoffen immer noch, Professor Larson zu retten.« Nun schwang Mitleid in seiner barschen Stimme.

Sie weigerte sich, ihn anzuschauen. Es war schwer genug, die Hoffnung aufrechtzuerhalten. Prof. Larson hatte sie vor Jahren als schüchterne Doktorandin unter seine Fittiche genommen. Sie verdankte ihm so viel und nun durfte sie noch nicht einmal seiner Frau erzählen, wie es um ihn stand.


Der Prompt aus der Flash-Fiction-Challenge lautete: »Eine Substanz, die Ideen generiert, ein Spion, 1 Minute. «