Impulskauf [Flash Fiction]

Der kompakte, kleine Kundschafter passte so gar nicht zu den anderen Raumschiffen im Holo-Katalog. Die matt-schwarze Hüllenbeschichtung schien das Licht der Umgebung zu schlucken. Wie ein Stachel ragte die Mündung eines Gaussgeschützes aus seinem Bug.

»Das ist wirklich nichts für dich.«
»Ich glaube, du versuchst zu hart, mir das auszureden.«
»Eng, ohne jeglichen Luxus. Ich wette, nach ein paar Stunden Flug hast du die Nase voll davon.«
»Ich habe genug Luxusyachten. Das ist mal was anderes.«
»Falls du eine neue Verhandlungsstrategie gegenüber deinen Geschäftsspartnern in Erwägung ziehst, da steht, dass fast alle Bewaffnung entfernt worden ist. Der Rest sperrt sich in jedem bewohnten System selbst.«
»Ich habe kein Interesse dran, Krieg und Zerstörung zu beginnen. Das ist einfach nur schlecht fürs Geschäft.«


Der Kundschafter hing im Nirgendwo. Die Sensoren hatten Russel einen Wanderer gemeldet. Ein eher kleiner Brocken von Asteroiden, der seinen Weg zu einem unbekannten Ziel unbeirrt fortsetzte. Neugierig hatte Russell den Bordcomputer angewiesen, einen Abfangkurs zu setzen und die Sensoren ausgerichtet. Zu seiner Enttäuschung schien der Asteroid in erster Linie aus Silikatgesteinen unter einer Schicht gefrorener Gase zu bestehen. Er hatte halb gehofft, seltene Elemente vorzufinden.

Aber da er abseits aller bewohnten Systeme war, konnte er endlich seine Waffensysteme testen. Er tippte die entsprechenden Befehle ein. Halb amüsiert, halb verärgert nahm er die vielen Warnmeldungen und Bestätigungsanforderung zur Kenntnis. Als traute der Computer ihm nicht über den Weg.

Die verbliebenen Laser waren enttäuschend schwach. Sie verdampften einiges an Staub und Gasen, die um den Asteroiden schwebten. Aber wenn sie seine Eishülle überhaupt ankratzten, so konnte er das kaum erkennen.
Der Bordcomputer warf weitere Proteste hoch, als er das Gaussgeschütz aktivierte. Es war kein Problem gewesen, das Magazin mit den Metallgeschossen zu füllen, die durch die Magnetkräfte beschleunigt und auf ihr Ziel geschleudert wurden. Das Zielsystem des Kundschafters war idiotensicher zu bedienen, nachdem er erst mal die ganzen Warndialoge weggetippt hatte. Er gab den Feuerbefehl.

Das bisher unmerkliche Summen des Reaktors oder durch ein hörbares Grollen ersetzt, als die Energiespulen geladen wurden. Das Licht dimmte. Eine Vibration schüttelte das kleine Schiff, bis sich mit einem hörbaren Krachen, bei der Russell vor Schreck fast aus dem Sessel sprangen, die magnetische Ladung entlud und einen Stahlball auf den Asteroiden schleuderte. Die Sensoren schrillten los und füllten die Hälfte des Bildschirms mit komplexen Berichten. Aber Russell brauchte sie nicht. Das Geschoss war in die Flanke des Asteroiden eingeschlagen. Teile der Eis- und Gesteinskruste wurden in die Höhe geschleudert und drifteten vom Asteroiden weg. An der Einschlagstelle verdampfte Eis und Staub in einer spektakulären Wolke.

Russell war fasziniert. Ohne zu zögern, startete er das Programm neu. Die Sensordaten wischte er weg. Was interessierte ihn die genaue Zusammensetzung des Asteroiden. Diese urzeitliche Kraft, mit der er wie David auf Goliath mit seiner Schleuder zielte, schlug ihn in ihren Bann. Die 5 Minuten, die der Reaktor brauchte, um die Magnetspulen wieder zu laden waren voller aufgeregter Spannung, während der er die Ladeanzeige verfolgte. Und dann ließ er sich erneut durchschütteln, als das nächste Geschoss in den Asteroiden einschlug. Wie in Trance ließ er das Zielprogramm wieder und wieder laufen bis ihm der Computer meldete, dass das Magazin leer ist. Mit Bedauern sah er auf den Asteroiden, der in mehrere Teile zerbrochen war. Die Trümmer torkelten durch das All, weiterhin der bisherigen Flugbahn folgend. Schade, aber es war Zeit seinen Weg fortzusetzen.


Seine Spinndrüsen waren leer und schmerzten. Aber er hatte es geschafft, die Gänge abzudichten. Erschöpft schleppte er sich zu seiner Schwarmschwester. Sanft verhakte er die Mandibeln mit ihrer. Aber kein Pheromonausstoß begrüßte seine Annäherung. Die Kette ihrer großen, funkelnden Augen hatten ihren Glanz verloren. Die Verletzung durch ihre zerquetschten hinteren Körpersegmente war zu schwer gewesen.

Ein krampfartiges Zittern schüttelte ihn. Die Enormität des Verlustes überwältigte ihn. Es war unwahrscheinlich, dass eines seiner Schwarmgeschwister in einem anderen Trümmerteil überlebt hatte. Ihr Nest – zerstört. Sein Schwarm ausgelöscht. Die Vorräte und Rohstoffe für die Kolonie – verloren. Die Brut in ihren Eierkokons, die die Kolonie verstärken und ausdehnen sollte – vernichtet. Und er war allein.

Die wenigen herumhuschenden Läufer waren seine einzigen Begleiter. Aber wenn er nicht Nahrung bekam, würde er auch nicht lange überleben. Müde stieß er eine Pheromonwolke aus. Die Läufer bestätigten den Befehl mit biolumineszenten Blinken und brachten ihm ihre Toten ein, von denen zu viele herumlagen. Die Läufer waren zahlreich, aber klein und nicht sehr widerstandsfähig. Sie brachten die Leichen zu ihm. Mechanisch zerteilte er sie mit den Mandibeln und schob die Stücke in den Mund. Er spürte die Hitze im Inneren, als sein Körper die dringend benötigten Nährstoffe aufnahm. Aber es reichte nicht aus. Die Reise des Wracks zu ihrer Kolonie würde lange dauern. Und ohne Vorräte und minimalen Energiereserven blieb ihm nur die Hibernation.

Also grub er die Kieferklauen in die Segmente seiner Schwarmschwester und verzehrte ihren Körper. Zuletzt blieb nur ihr Außenskelett übrig. Ehrerbietig trennte er der Schädel vom Carapax.

Dann zog er sich in den zentralsten Raum des Wracks zurück und spann seinen Kokon zu spinnen. Dabei behielt er den Schädel seiner Schwester in den Greifklauen. Er wollte sie nah bei sich haben.

Der Schädel schimmerte noch immer in allen Farben des Spektrums. Während er spann und dabei in den Traumzustand hinüber glitt, legte sich seine Trauer in einer Wolke aus Botenstoffen um ihn herum. Die Läufer schwärmten über seinen Panzer, trösteten und suchten selber Trost. Sie kuschelten sich unter die Platten seines Carapax und bissen sich an ihm fest, um von ihm zu zehren und ihm in die Hibernation zu folgen. Wenn sie ihre Kolonie erreichten, würden sie erwachen. Er würde die Nester vor diesen Aliens warnen, die ihnen aufgelauert hatten. Die Krieger der Schwärme würden sie finden und sie auslöschen. Das war der Gedanke, den er mit in seinen langen Schlaf nahm.


Der Prompt für diese Geschichte lautete: »Ein Impulskauf führt zum intergalaktischen Krieg.« Ihr glaubt nicht, wie lange ich mir den Kopf über das Was und Wie zerbrach.

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