Nachtfahrt [Flash Fiction]

Es war ein typischer Novemberabend. Karl kniff die Augen gegen den böigen Wind zusammen, der ihm den feinen Nieselregen in das Gesicht wehte, während er sich tiefer über den Fahrradlenker beugte und in die Pedalen trat. Die Reifen surrten über den nassen Asphalt hinweg. Der Mond, der ständig hinter den Wolken verschwand und wieder auftauchte, tauchte sein Heimweg in ein flackerndes Halblicht. Das störte Karl nicht. Er fuhr diesen Weg jeden Arbeitstag und das stetige Licht der Fahrradlampe reichte ihm vollkommen aus.

Er erspähte die kleine Abzweigung, die direkt nach Hause führte. Mehr der Gewohnheit folgend statt der Notwendigkeit streckte er seinen Arm aus, um den Richtungswechsel anzuzeigen, und bog in die gewundene, kleine Straße ab.

Hier schützten die Büsche und der Wald zu beiden Seiten ihn vor dem Wind. Um diese Zeit waren hier weder Autofahrer noch Fußgänger unterwegs und so trat er kräftig in die Pedalen, und nahm die Windungen der Straße mit Schwung.

Doch als er diesmal um eine Biegung rauschte, ragten plötzlich zwei Gestalten aus der Dunkelheit hervor. Karl bremste scharf. Die Reifen quietschten über den nassen Straßenbelag, bevor er zu stehen kam. Vor ihm schälten sich zwei Gestalten aus der Dunkelheit. Vor Schreck schlug ihm das Herz bis in den Hals. Als er realisierte, was er da sah, lachte er erleichtert auf.

Ein humpelnder Zombie folgte einem Werwolf im blauen Regenponcho.

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»Halloween ist doch schon vorüber,« rief er ihnen entgegen. Der Werwolf winkte und kam auf ihn zu.

»Ja, das stimmt,« sagte er mit warmer Baritonstimme, die gar nicht zu seinem furchteinflößenden Äußerem passte. »Aber wir mussten die Party verschieben. Ein paar Freunde waren verhindert. Und nun sind wir viel zu spät dran.«

Karl lacht. »Ich vermute mal, kein Autofahrer wollte anhalten und euch mitnehmen.«

»Ja, das stimmt. Ein Handy haben wir natürlich auch nicht dabei. Ich bin übrigens Wolfgang,« sagte er. Dann deutete auf die wandelnde Leiche, die zurückgefallen war. »Und das ist Zacharias.«

»Wolfgang und Zacharias, ehrlich?« Karl konnte sein Schmunzeln nicht unterdrücken. Wolfgang grinste gut gelaunt zurück. Seine weißen Zähne leuchteten gegen die dunkle Fellmaske.

»Werwolf und und Zombie, was blieb uns mit diesen Namen anderes übrig?«

»Ihr seid noch einige Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Schafft das dein Freund?«

»Na ja,« meinte Wolfgang, »ein fahrbarer Untersatz wäre schon hilfreich.« Er betrachtete begehrlich Karls Fahrrad.

»Tja, leider hab ich keine Beifahrersitze, aber ich könnte euch ein Taxi rufen oder einen Abschleppwagen, wenn euer Auto hier in der Nähe steht.« Er stieg vom Fahrrad ab, um in der Brusttasche nach seinem Handy zu kramen. Plötzlich drehte der Wind und die Böe wehte ihm den Gestank nach feuchtem Hundefell und dumpfen Moder ins Gesicht. Karl zuckte zurück und kräuselte die Nase. »Da habt ihr die Sache mit dem Kostüm etwas zu weit getrieben.«

»Tja, geht leider nicht anders,« meinte Wolfgang bedauernd. Das letzte, was Karl wahrnahm, war eine haarige Pranke, die auf sein Gesicht zu kam und das Scheppern, als das Fahrrad neben ihm auf die Straße knallte.

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Wolfgang fletschte die Zähne und trat fester in die Pedale. Das Fahrrad quietscht jämmerlich unter dem Gewicht.

»Hirn. Brains.«

»Ja, ja. Denk daran, die Füße anzuheben,« knurrte er nach hinten. Zack gurgelte glücklich auf dem Gepäckträger und schlürfte etwas, worüber er nicht so genau nachdenken mochte. Ebenso versuchte er, das leise Stöhnen zu ignorieren, das ihnen folgte.

»Mein Fahrrad«, jammerte der Geist und versuchte vergeblich nach ihnen zu greifen. »Mein Fahrrad.«

   

Der letzte Prompt der Flash-Fiction-Challenge lautete: »Schreibe eine Geschichte, die mit einem Fahrrad beginnt und endet.« Die Idee dazu kam mir bereits vor ein paar Tagen zum Halloween, geschrieben habe ich die Geschichte erst jetzt während des NaNoWriMo.

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