Heldenschwert [Flash Fiction]

Lea korrigierte leicht die Ausrichtung der Lampe. Auf dem Wohnzimmertisch lag ihr Glücksfund vom Trödelmarkt — die Replik eines Langschwertes. Nachdem sie es behutsam von Staub und verkrustetem Dreck gereinigt hatte, war seine wundervolle Gravur zum Vorschein gekommen. Diese versuchte sie gerade mit der Kamera einzufangen. Sie schoss ein paar Bilder und wechselte den Winkel.

Für eine massengefertigte Nachahmung sah das Schwert zu edel aus, zu echt. Diese Kratzer an der Klingenkante wirkten tatsächlich wie Gebrauchsspuren. Konnte es sein, dass ein Schwertschmied es handgefertigt hatte? Es gab noch ein paar dieser Handwerker. Mit Hilfe der Fotos konnte sie recherchieren und die Herkunft herausfinden.

Wenn sie die Gravur nur richtig in den Fokus bekäme. Die feinen Linien verschwammen jedesmal oder das Licht reflektierte zu stark. Gefrustet legte sie die Kamera beiseite und nahm das Schwert in die Hände, um sich den Verlauf der Gravur näher anzusehen. Sie strich mit den Fingern über die Klinge.

Sie zischte überrascht durch die Zähne. Eine dünne Linie zeigte sich auf dem Zeigefinger und füllte sich mit Blut. Super scharf. Das war wirklich ein echtes Schwert und keine stumpfe Attrappe.

Lea schloss die Augen und ließ ihrer Vorstellungskraft freien Lauf. Schwerter wie dieses. Tapfere Kämpfer, die sie führten. Helden.

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Die Orks kamen in dunklen, brüllenden Wellen aus dem Schattenwald gestürmt. Dutzende, hunderte wurden von dem stetigen Pfeilhagel der Elben niedergestreckt. Aber zu viele von ihnen überquerten den Streifen verbrannten Niemandslandes um gegen den lichten Elbenwald zu branden. Sie wurden dort von den Schwertern der Elbenkrieger empfangen und, wie die Flut gegen Klippen prallt, wurde ihr Ansturm gebrochen. Doch auch auf der Elbenseite floss Blut und Verluste schwächten die Verteidiger. Wie lange würden sie noch standhalten können?

»Verzweifelt nicht, meine Kinder!« Der alte Elbenlord mit Haaren wie Winterschnee schritt die Reihen der Verteidiger ab. »Unsere heilige Magie wird uns nicht im Stich lassen.«

Die Krieger nickten und spannten ihre Bogen, um der nächsten Angriffswelle zu begegnen.

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Lea lachte. Wie die Fantasie mit ihr durchging. Fast schuldbewusst blickte sie sich in ihrem Wohnzimmer um. Aber wie oft hat eine Normalsterbliche wie sie die Gelegenheit, ein echtes Schwert in den Händen zu halten? Sie packte das Schwert am Griff und hob es hoch. Es war schwer, keine Frage, aber leichter zu führen als sie gedacht hatte. Sein Schmied hatte sich die Mühe gemacht, es perfekt auszubalancieren. Sie schwang es probehalber, streckte einen imaginären Ork nieder und noch einen. Einmal eine richtige Heldin sein! Sie fiel in einen Ausfallschritt, um einen anstürmenden Feind das Schwert ins Herz zu bohren.

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Sie erschien mitten im Niemandsland. Eine in Licht gerüstete Gestalt, die sich der dunklen Flut der Orks stellte. Die Orks hoben ihre kruden Schwerter und Äxte und stürzten sich auf sie. Aber ihre Schläge schienen nicht zu treffen oder wirkungslos von ihr abzuprallen. Die Angriffswelle der Orks konnte sie nicht überrennen und wurde aufgehalten. Die Elben nutzen das gewendete Schlachtenglück. Pfeilschwarm um Pfeilschwarm dezimierten die Orks während das tanzende Schwert der Heldin die Orks in Schach hielt und wieder und wieder treffsicher ihre Herzen fand.

Doch dann spuckte der Schattenwald einen neuen Gegner aus. Die Orks begrüßten ihn mit ohrenbetäubenden Gebrüll. Er überragte sie alle um mindestens zwei Köpfe. Die Orks wichen zurück, damit ihr Kriegshäupling den Zweikampf beginnen konnte. Als dieser sich auf seine Gegnerin stürzte, schien es, als würde er sie im ersten Ansturm einfach zermalmen. Ohne Zweifel hätte auch nur ein Schlag seiner gewaltigen Streitaxt das Ende der Heldin bedeutet, aber gewandt wich sie seinen wilden Hieben aus.

Gebannt verfolgten beide Seiten den Zweikampf ihrer Champions. Schnelligkeit gegen schiere Kraft. Wer würde als erstes den tödlichen Treffer erzielen? Der tödliche Tanz schien für die atemlosen Beobachter endlos zu sein. Und plötzlich stoppte er.

Als der Kriegshäuptling mit einem dumpfen Hall, der die Erde erschütterte, auf dem Boden prallte, brach der Mut der Orks endgültig. Voller Furcht flohen sie und der Schattenwald verschluckte sie. Ein paar Nachzügler fielen noch den Elfenpfeilen zum Opfer. Dann blieb außer den Bergen ihrer toten Krieger nichts mehr von ihnen zurück. Helles Jubeln brach unter den sonst so stillen Elbenkriegern aus und sie traten aus dem Wald hervor, um ihrer Heldin zuzujubeln. Diese hob grüßend ihr Schwert, um dann in einem Lichtblitz zu verschwinden.

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Lea riss die Augen auf. Das war cool. Unglaublich. Ihr Arm ragte immer noch hoch über dem Kopf in der Siegerpose. Dann wurde ihr schwindlig. Sie sackte gegen den Tisch und stützte sich auf ihn. Das Gewicht des Schwertes schwand aus ihrer Hand. Dann kam der Schmerz, ihr ganzer Körper schmerzte. Sie starrte ungläubig auf ihren Arm, an dem das Blut herunter lief. Sie blickt an sich herunter. Noch mehr Blut an ihren ganzen Körper. Ihr Blut. Panik wallte auf. Sie tastete nach dem Handy auf dem Tisch. Stieß es herunter. Sie wollte es packen, aber es rutschte durch ihre blutverschmierten Finger und fiel auf den Boden.

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Das lauteste Geräusch war das Schnappen der Kameraauslösung. Die Spurensicherung arbeitete schweigend, zugleich routiniert und respektvoll.

„Hieb- und Stichwunden am ganzen Körper. Sieht nach verschiedenen Waffen aus. Keine Wunde war an sich tödlich. Die letztendliche Todesursache war Blutverlust,“ informierte ihn der Gerichtsmediziner leise. »Ihr bekommt meinen detaillierten Bericht so schnell wie möglich.«

Der Kommissar blickte auf den Tatort. Die Art wie die Tote zugerichtet worden war, war ungewöhnlich in ihrer Brutalität. Die Blutlache zeigte, dass sie hier gestorben war. Aber die Umstände passten nicht zusammen. Ein blutverschmierter Tisch, aber sonst keine Blutspritzer oder Kampfspuren. Die Tür war verschlossen gewesen. Es gab keine Anzeichen gewaltsamen Eindringens.

Er starrte nachdenklich auf die Tote. Was zum Teufel war hier passiert?